Warum ich glaube, dass diejenigen, die heute ständig „Nazi“ rufen, damals oft selbst welche gewesen wären.
„Du bist doch ein Nazi“, „Du willst Menschen vergasen“, „Du hast zuhause eine Hakenkreuzfahne über dem Bett“, das warf mir und zweien meiner Parteifreunde vorgestern auf dem Lahrer Schlossplatz ein sehr erregter, etwa 50jähriger Mann an den Kopf. Seine Großeltern seien von Menschen wie mir im KZ ermordet worden, wiederholte er immer wieder. Später kündigte er sogar an, mich zu erschießen, wenn ich in den Gemeinderat gewählt werde und mich zu verprügeln, wenn er mich nachts träfe. [Anm.: Vor Gericht stellte sich später heraus, dass auch die Aussage über seine Großeltern unwahr war.]
Es ist nicht normal, wenn einem von wildfremden Menschen so etwas unterstellt wird und man derart bedroht wird, aber als AfD-Politiker muss auf so etwas gefasst sein. Das wusste ich immer und deshalb hält sich meine Empörung darüber auch in Grenzen.
Aber es bringt mich schon ins Grübeln. Als „Nazi“ beschimpfte mich da ein Mann, der ausweislich seiner sonstigen Aussagen in jeder Hinsicht als durchschnittlich, im Bereich Allgemeinbildung vielleicht leicht unterdurchnittlich, zu bezeichnen wäre. Die Klischees, die er als seine Meinung vertrat, entsprachen schlicht dem medialen Mainstream.
Nazis als NPCs der Popkultur
Und er war auch wohl durchschnittlich stark im Unreinen mit sich selbst und seinem Leben, das konnte man auch leicht merken. Seine Vorstellung, es sei eine Beleidigung, als „Sonderschüler“ oder „Arbeitsloser“ bezeichnet zu werden (was er uns gegenüber tat), sprach Bände über seine Komplexe und Wertvorstellungen. Mein Einwurf, dass ich es traurig finde, wenn er Menschen nach ihrem ökonomischen Nutzen bewerte, irritierte ihn auch sichtlich. Da fühlte er sich ertappt.
Ich bin ihm aber im Grunde nicht böse. Ich halte ihn für einen Mitläufer und einen Verführten, der einfach nur treudoof rezipiert, was er täglich in einschlägigen Medien und offenbar auch in seinem beruflichen Umfeld zu lesen und zu hören bekommt. Er will einer von den Guten sein und sogar einer von den besonders Guten, ein Macher, der die „Nazis“ in ihre Schranken weist und in Wort und Tat bekämpft.
Was man grundsätzlich mit Nazis macht, das lernt man spätestens seit Indiana Jones von Hollywood, besonders deutlich zeigten es zuletzt Tarantinos Inglorious Basterds. Nur dass diese lebensunwerten Nazis, diese NPCs der Popkultur heute eben nicht mehr an Uniform und Symbolen zu erkennen sind, sondern sich, so die Behauptung, eben als Nationalkonservative in Blau tarnen. Aus dieser Denke heraus, resultierte wohl auch die Morddrohung, die er mir gegenüber aussprach.
Humanismus unter Ideologievorbehalt
Alles zusammengenommen, die treudoofe Ausrichtung auf moralische und politische Mainstream-Klischees, der ökonomische Blick auf den Wert von Menschen, die Verachtung für Andersdenkende und besonders für die im Mainstream als Untermenschen behandelten, der Hass und die Negierung des allgemeinen Lebensrechts, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass dieser Mann vor 90 Jahren ganz sicher ein Mitläufer und wahrscheinlich sogar ein besonders eifriger Parteigänger gewesen wäre. Und dieses Schema erkenne ich häufig bei genau denen, die besonders oft und eifrig „Nazi!“ rufen.
Ich behaupte nicht, wie es ebenjene grundsätzlich in voller Inbrunst tun, dass ich damals im Widerstand gewesen wäre. Aber ich weiß, was man historisch ganz klar feststellen kann:
1. Viele Kommunisten und Sozialisten wurden nach der Machtergreifung sehr bald zu glühenden und eifrigen Nationalsozialisten, nicht nur Hitler und Goebbels selbst in den frühen 20er-Jahren, sondern auch als besonders eindrucksvolles Beispiel etwa Roland Freisler.
2. Die meisten Menschen im Widerstand waren gläubige Christen. Der Glaube an die göttliche Gerechtigkeit gab ihnen die notwendige Kraft, sich gegen den Materialismus zu stellen, wie ihn der Nationalsozialismus, wie alle sozialistischen Ideologien, propagiert. Ein Humanismus ohne Letztbegründung und logische Konsequenz, wie ihn Linke zumeist vertreten, ordnet sich dagegen am Ende immer der Ideologie unter, auch wenn sie mordet.
Dem Mann auf dem Lahrer Schlossplatz hielt ich übrigens entgegen, dass bei mir zuhause keine Nazifahne hängt, dafür aber ein großes Portrait eines KZ-Häftlings, nämlich von Maximilian Kolbe. Der Name sagte ihm natürlich nichts.
